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08.06.2005

Der "Praunheimer Bub" Wolfgang Windecker liest im Pflegeheim / Erinnerungen an die Studentenrevolte und den Mathelehrer

Wolfgang Windecker ist als "Praunheimer Bub" mit seinen Erinnerungen um den Stadtteil bekannt. Neue und alte amüsante Geschichten und Gedichte hat der Schriftsteller im Pflegeheim Praunheim präsentiert.

"Blutwürste im blubbernden Kessel/Verteilt die Wurstsuppe/Fettige begehrte Köstlichkeit/Draußen dröhnend ein Traktor." Diese Worte schallen laut durch den großen Saal des Pflegeheims Praunhei. Wolfgang Windecker liest aus seinem Anthologie-Band das Gedicht mit dem sinnträchtigen Titel "Dorfleben I". Natürlich ist der Alltag in der kleinen Kommune keineswegs so langweilig und lethargisch wie der Städter meinen mag und deshalb folgen auch noch "Dorfleben II bis V". Windecker durchlebt mit seinen Zuhörern den Wandel der Zeiten von seiner Kindheit in den fünfziger Jahren mit "Eins, zwei, drei Eckstein, alles muß versteckt sein" bis hin zu Studentenrevolte und Flower-Power. "Studentenjahre im Suff/Den Dutschke kurz erlebt/Bauten Barrikaden/Wilde Jahre/Wilde Liebe/Wann klingt geil am geilsten."

Dabei weist Windecker dankenswerterweise darauf hin, daß seine Lyrik mit Stabreimen und Zeilensprung versehen ist. Kleinstadtromantik mit Selbstbewusstsein.

Was sich anschließt, sind "kleine, bescheidene Geschicht"chen" aus Windeckers Erstlingswerk "Der große Bär muß sterben", das 1988 erschienen ist. Geschildert wird vom Romancier das Leben auf dem Bauernhof der Großeltern und das wohldosierte Füttern der Tiere. Dass die Familie Windecker auf eine lange Tradition in Selbstständigkeit rund um Steinbach zurückblickt, lässt der Autor ebensowenig aus, wie die Entstehung seines Spitznamens "Windu", den er im TSV Praunheim erhielt. Selbst das Ableben des Schwiegervaters Franz Reuter wird nicht ausgespart und in heroisierter Form zum Besten gegeben. Den Fußballbegeisterten ereilte kurz vor Anpfiff des Eröffnungsspiels zur Weltmeisterschaft 1990 ein Herzinfarkt. "Er hatte auf der Couch schon die Knabbereien bereitgestellt, da passierte es."

Dabei nickt seine Zuhörerschaft mit ausdrucksloser Miene. Trotz eigener Erinnerungen Windeckers handelt es sich mehr um Kollektiverfahrungen, die dargestellt sind. Ohne Klischees, im guten Sinne, geht das verständlicherweise nicht und die klingen denn dann auch allerorts an. So wie die Figur des Mathelehrers Wilhelm Gegenwart, der "die Schüler zur Strafe stets Primzahlen zerlegen ließ".

Unaufgefordert gab Windecker schließlich eine Zugabe mit einer Hommage an den Titel von Milva "Ein Kommen und Gehen". Erzählt wird von den Kneipentouren des jungen Schreibers in Sachsenhausen, vorzugsweise in die "Klimperkiste".

Von Markus Bulgrin




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